Kostenlose Kurzgeschichte


Verwelke nicht


Mein Name gehörte der Vergangenheit an. Sie nannten mich Rose, wie alle anderen. Das hellblonde Haar hatten sie rot gefärbt, um zu verdeutlichen, dass ich fortan als Unfreie lebte. Nun schienen Flammen meinen Körper zu umhüllen. Doch nicht sehr lange. Eine der anderen Sklavinnen flocht die langen Strähnen und steckte sie hoch. Mein Spiegelbild sagte mir, dass ich nur noch eine von vielen war. Die zarte Maske, die man mir vorsichtig umband, unterstrich dieses Gefühl und ich musste meine Tränen mühsam zurückdrängen. Schaute ich nun nach rechts oder links nahm ich die feingliedrig gearbeitete Maske wahr, die zwar nur Verzierung, aber doch das Zeichen einer Sklavin darstellte.
„Du siehst sehr hübsch aus“, flüsterte das Mädchen, das mir half. Der Ansatz ihres Haares wuchs bereits heraus und ich konnte sehen, dass sie unter dem Rot ein natürliches Braun besaß.
Ich antwortete nicht, sondern betrachtete sie im Spiegel. Ihre Haut wirkte wie aus Alabaster. Meine hatte man weiß pudern müssen, denn sie war von der Sonne geküsst und von einem schimmernden Gold. Nun wirkte ich wie eine Porzellanpuppe − wie aus Schnee, mit roten Lippen und flammendem Haar.
Ich erhob mich, ließ zu, dass die Kleine mir den Umhang abstreifte und wandte den Blick vom Spiegel ab, als sie meine Nacktheit entblößte. Sie half mir in ein anthrazitfarbenes Kleid, das meine Figur eng umspielte und vom Dekolleté mehr offenbarte als verhüllte. Mein Herz begann zu rasen und langsam begriff ich, welche Art Sklaven sich die Tarsylaner hielten. Wenn ich mich betrachtete, kam ich zu keinem anderen Entschluss.
Nun, ich hatte diesem Handel zugestimmt, um das Urteil meines Bruders aufzuheben. Auch wenn ich mein Herz verschlossen hatte, instinktiv wusste ich, worauf ich mich einließ.
„Wird er mir wehtun?“, fragte ich das Mädchen unsicher.
Sie sah mich mit dunklen Augen an, blinzelte leicht. „Es kommt darauf an, zu wem Ihr gebracht werdet. Wer ist Euer Herr?"
„Yvain.“
Rasch wandte sie sich ab, wich meinem Blick aus. „Ihn kenne ich nicht.“
Ich glaubte ihr kein Wort. Angst schnürte mir die Kehle zu. Um mich abzulenken, fragte ich sie nach ihrem Namen.
„Rose“, antwortete sie.
„Ich meine deinen richtigen Namen, den du zuvor getragen hast.“
Ihre Lider flatterten, als hätte ich etwas Unziemliches gesagt. „Melisande.“
„Und darf ich dich so nennen?“
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Sie peitschen uns, wenn wir unsere alten Namen aussprechen!“
Mein Seufzen hallte in dem Zimmer wider, da Schweigen uns nun umhüllte. Das erste Mal nahm ich den Luxus wahr, der sich hier verbarg. Die Burg bestand zwar aus fast schwarzen Mauern, doch der Boden war mit flauschigen Teppichen ausgelegt. Jedes Möbelstück schien ein hölzernes Kunstwerk zu sein, fein gearbeitet, mit Verzierungen und aus dem sonderbaren rötlichen Holz der Gahjabäume, die nur hier auf Tarsyl wuchsen.
„Mich hat man Noreya genannt“, ignorierte ich ihre Warnung.
Melisande nickte nur kurz und trat hinter mich. Sie band mir ein Halsband um, an dem eine echte blutrote Rose befestigt war. Ich spürte den leichten Zauber, der auf der Blüte lag. Die Magie, damit sie nicht verwelkte. Schuhe gewährte man mir nicht. Als Melisande mich aus dem Zimmer führte fühlten sich die schimmernden Bodenfliesen wie aus Eis an. Überall sah ich andere Sklavinnen. Einige wenige tuschelten, eine kicherte sogar, doch die meisten meiner Ebenbilder wirkten unterwürfig und still.
Traurige Rosen, dachte ich und verdrängte meine Furcht, die wie ein Feuer in mir aufflammen wollte.
„Die Handschuhe!“, zischte Melisande plötzlich. Sie ließ mich stehen, schlüpfte zurück in das Zimmer und kam mit langen schwarzen Handschuhen wieder, die aus dem gleichen Material bestanden wie das Kleid, das man mir aufgezwungen hatte. Die spitzenbesetzten Accessoires schmiegten sich um meine Unterarme, als das Mädchen sie mir bis über den Ellenbogen streifte.
Vereinzelte Fackeln erhellten dürftig die Gänge, durch die mich Melisande führte. Kälte drang in jede meiner Poren und ich zitterte aufgrund der ungewohnten Temperaturen. Auf diesem Planeten war es kälter als auf der Erde, die Tarsylaner weitaus unempfindlicher als wir Menschen. Als wir an einem Fenster vorbeikamen, warf ich einen Blick durch das verzierte Glas. Schroffe Berge erhoben sich vor einer Wand aus Gahjabäumen, die ihre lavendelfarbenen Farnblätter in den Wind hielten. Die untergehenden Sonnen warfen einen letzten Schein auf das Tal. Melisande führte mich weiter durch die Flure. Die Wärme nahm zu und das Mädchen drängte mich in einen Raum, der vom Kaminfeuer erleuchtet wurde.
„Yvain mag die Flammen“, flüsterte sie.
„Ich dachte, du kennst ihn nicht.“
„Deine Frage zielte auf etwas Bestimmtes ab. Und so kenne ich ihn nicht. Bisher hat er mich verschmäht.“
Ihr Gesichtsausdruck sagte mir, dass sie darüber nicht unglücklich war. „Was erzählt man sich denn?“
Ein Schatten huschte über ihr Puppengesicht. „Verschiedenes“, antwortete sie ausdruckslos, schob mich in den Raum und schloss mich ein. Ich starrte auf die Gravierungen der Tür. Eine kurze Panikattacke überrollte mich wie ein schwerer Stein, der mein Herz zermalmen wollte.
„Melisande!“
„Still! Sprich mich nicht so an!“, murrte sie durch die Tür. Ich hörte, wie ihre Schritte im Flur verklangen.
Ich biss mir auf die Unterlippe und schmeckte den fruchtigen Geschmack des Lippenstiftes. Würde Yvain erbost sein, wenn ich sie mir vor Anspannung blutig biss? Es wäre wohl besser, ich forderte es nicht heraus, also presste ich die Lippen aufeinander. Das Pochen in meiner Brust steigerte sich zu einem unangenehmen Rhythmus, den ich kaum bändigen konnte. Er ließ mich unruhig hin und her gehen. Wo war dieser Tarsylaner? Alles erschien mir besser, als auf dieses Unheil zu warten.
Die Minuten verstrichen langsam. Zaghaft wandte ich mich zum Fenster und betrachtete das Meer aus Wäldern, in dessen Mitte die Burg erbaut worden war. Mein Blick fiel auf eine einzelne Rose, die auf der schmalen Fensterbank stand. Was fanden diese Geschöpfe nur an Rosen? Sie schienen süchtig danach zu sein. Trieben sie Handel mit den Menschen, verlangten sie nie Geld, immer nur neue Rosensorten, Rosensetzlinge, Rosensträucher … und Sklaven.
Mein Vater hatte Yvains Schwester seine komplette Rosenzucht angeboten, doch die kaltherzige Tarsylanerin hatte nur mit dem Kopf geschüttelt, sodass sich ihr langes Haar im Wind bewegte. Ihre Hand hatte auf mich gezeigt. Ich konnte dem nachgeben oder meinen Bruder sterben lassen, der in seiner Dummheit Yvains Vater übel beleidigt, sogar verletzt hatte − nicht wissend, dass er einer der Lords war. Und alles nur wegen seines Hasses auf die Tarsylaner. Aber die Regierung wollte um keinen Preis eine Feindschaft mit dem fortschrittlichen Volk. Das Leben eines Rosenbauern zählte da nicht viel, und das seiner Kinder wohl noch weniger.
Der türkisfarbenen Rose ging es nicht gut. Ihre Blüten wurden ausschließlich mit der Tarsylmagie zusammengehalten, doch ich spürte, dass das Leben aus ihr weichen wollte. Nach all den Jahrzehnten im Rosengeschäft hatte unsere Familie eine geheime Gabe entwickelt, insbesondere ich. Sachte strich ich mit meinen Fingerspitzen − die Handschuhe bedeckten nicht die Finger − über den Stängel der Rose, schickte ihr von meiner Energie, die in mir schlummerte und nur darauf wartete, dass ich sie einer Blume gäbe. Der Zauber von Tarsyl verlor sich, fiel wie feines Pulver von den samtenen Blättern der Blüte, und die Rose richtete sich auf, gestärkt von meiner unsichtbaren Kraft. In meiner kurzen Trance gewahrte ich die Geräusche an der Tür nur vage.
Mir stockte fast das Herz. Ein Mann stand plötzlich neben mir und starrte auf die Rose, die zwar die türkisfarbenen Blätter ihrer Blüte abwarf, aber deren Knospen nun aufgingen und drei neue Blüten offenbarten.
Der Mann trug ein dunkles Gewand, das wie die Flügel eines Nachtschmetterlings schillerte. Sein glattes Haar reichte ihm weit über die Schultern und erinnerte mich an einen Sonnenstrahl. Golden, fast ein wenig durchscheinend, umrahmte es sein Gesicht.
Die Tarsylaner waren schön und verdammt gefährlich. Würde er mich töten, weil ich seine Rose berührt habe?
„Was hast du getan?“, fragte er scharf.
Keiner der Menschen begriff ihre komplexe Sprache, sie dagegen lernten in kurzer Zeit unsere und wandten sie an, als hätten sie niemals anders gesprochen.
„Ich … es tut mir leid!“ Unmerklich wich ich ihm aus, doch er fasste mich am Arm und zog mich an sich. Seine andere Hand umfasste mein Kinn.
„Was hast du getan?“, wiederholte er.
Die Iriden seiner Augen glichen der Rose und ich wusste, wieso er sich gerade eine der Türkisrosen ins Zimmer gestellt hatte.
„Sie … war traurig“, flüsterte ich. „Am Verwelken …“
„Das weiß ich!“, erwiderte er.
In Tarsyl betrachtete man jede vergehende Rose als traurig. Wie Haustiere verhätschelten sie die Blumen und ich hörte, dass manche sogar ihren Tod beweinten.
„Wie hast du sie erweckt?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und sie barg in ihren Tiefen eine Gefährlichkeit, die mich erschreckte. Macht pulsierte aus seiner Aura, die ich deutlich wahrnahm.
„Ich kann traurige Rosen heilen“, sagte ich kleinlaut.
Abrupt ließ er mich los, sah mich an. „Wie?!“
„Ich weiß nicht, ich kann es einfach.“
Schwungvoll drehte er sich herum, sodass ein Luftzug mich erfasste. Der Tarsylaner durchschritt das Zimmer, ging an dem ausladenden Bett vorbei zu einer Kammertür, die er aufschloss. Er wandte mir sein Profil zu. „Komm und zeig es mir.“
Ich trat langsam auf ihn zu, wagte kaum ihn anzusehen. Als ich zögerte, ergriff er mein hochgestecktes Haar und schubste mich in die Kammer. Überrascht sah ich mich um. Die Kälte des Abends umfing mich. Diese kleine Tür führte auf einen überdachten Balkon, in dem sich überall Rosen befanden.
„Du siehst die Bescherung“, sagte er tonlos.
Ja, allerdings. Nie zuvor hatte ich diese Rosenart erblickt. Man nannte sie die unbezahlbare Königsrose. Diese Art schimmerte normalerweise in allen Farben. Doch jeder Strauch war traurig, einige bereits dem Tode so nahe, dass selbst ich sie nicht mehr erwecken konnte.
„Soll ich …?“
„Ja.“
Ich fröstelte, als eine kalte Böe mich erfasste, unterdrückte ein Zittern. Langsam kniete ich mich vor den ersten Strauch, schenkte ihm von meiner wundersamen Kraft. Ich fühlte Yvains Blicke auf mir. Es war doch Yvain? Sicher war ich nicht, aber wer sollte sonst in seiner Kammer erscheinen, wenn nicht der Sohn des Lords, dem ich nun gehörte.
Einige der traurigen Rosen konnte ich nur beim Sterben zusehen, andere rettete ich, gab ihnen von meiner Magie, die ich selbst nicht verstand. Hier an diesem Ort begriff ich jedoch, dass diese Rettung an mir zehrte, dass es meine eigene Kraft war, die ich hier freigiebig verschenkte. Und auch Yvain schien das irgendwann zu bemerken.
„Hör auf“, befahl er.
Die Hände sackten mir in den Schoß, ich konnte nicht mehr aufstehen. Meine Beine gehorchten mir nicht mehr. Bisher hatte ich noch nie mehr als ein oder zwei Rosen geheilt. Yvain zog mich auf und ich schwankte.
„Du gibst ihnen deine Lebensenergie“, erkannte er und ich las tatsächlich leises Erstaunen in seinen Augen. Ein seltsames Lächeln umspielte seine Lippen, als er sagte: „Und du gehörst mir.“
Ich fühlte mich wie ein zitterndes, wehrloses Bündel, als er mich auf den Arm hob und zurück in die Wärme trug.
„Halte es geheim. Sonst werden sie kommen und meinem Vater Unsummen anbieten, um dich zu bekommen.“
„Und du willst mich … behalten?“, fragte ich schwach.
Yvain betrachtete mich mit berechnendem Blick. „Du kannst meine Kostbarkeiten heilen. Natürlich behalte ich dich.“ Er legte mich auf das Bett. „Weißt du, warum sie immer wieder traurig werden?“
„Vielleicht ist es dort oben zu zugig?“ Mir fielen die Augen zu, die Wärme und das weiche Bett unter mir fühlten sich zu verlockend an. Wie lange hatte ich nicht geschlafen? Oder war es nur wegen der Heilung?
„Mögen Königsrosen keinen Wind?“
Dunkelheit legte sich über meine Sinne, ich schüttelte noch den Kopf, weil ich ihm antworten wollte, dann versank ich in einen Schleier aus wirren Träumen.

*

Ich erwachte von seiner ruhigen, einflüsternden Stimme. Doch Yvain sprach nicht zu mir. Er saß am Fenster, strich zärtlich über die Blütenblätter seiner Türkisrose und redete mit der Blume in der melodischen Tarsylsprache. Dieser Anblick kam mir sonderbar vor. Er barg eine gewisse Zärtlichkeit, die ich ihm nicht zugetraut hatte.
Yvain wurde aufmerksam auf mich, stellte die Rose an ihren Platz zurück und kam zum Bett. Ich spürte, dass meine Maske verrutscht war und wollte sie richten, doch er zog sie mir mit einer Bewegung vom Kopf, warf sie in eine Ecke.
„Du bist wieder wach“, bemerkte er und fixierte mich mit seinen Türkisaugen.
Als ich mich aufrichtete, merkte ich, dass ich mir das Kleid im Schlaf nach unten gezogen hatte. Rasch verbarg ich meine Blöße vor ihm. Meine Scham entlockte Yvain ein kurzes Auflachen. Er zog mich hoch und drehte mich schwungvoll um. Ich spürte, wie er die Knöpfe hinten an dem Kleid öffnete. Der anschmiegsame Stoff fiel zu Boden und mein Herz raste. Langsam ging er um mich herum, betrachtete mich. Er runzelte die Stirn, als ich meine Brust bedeckte.
„Du heilst Rosen und fürchtest dann meinen Blick?“
Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?!, wollte ich ihm zurufen, schwieg jedoch.
„Nimm die Arme herunter.“
Da ich die Grausamkeit der Tarsylaner kannte, gehorchte ich, überwand meine Scheu, und zeigte mich ihm. Sein Zeigefinger fuhr über meinen Hals und wischte den weißen Puder fort, der meine Sonnenbräune verdeckte. Ein amüsiertes Schnaufen entfuhr ihm. „Wasch es dir ab. Diese Hühner mit ihrem Gepudere“, murrte er und zeigte auf einen Waschtisch.
Ich folgte seiner Geste und wusch mich ausgiebig mit dem lauwarmen Wasser.
„Ich hätte keine Menschin gefordert, wenn mir nicht die Bräune eurer Haut bewusst wäre.“ Die Tarsylaner besaßen fast weiße Haut, es galt als Schönheitsideal. Aber die Sonnen waren auch ungefährlich, sie wärmten, schadeten aber der Haut nicht. Auf der Erde mussten sie weitaus vorsichtiger sein.
Obwohl er mir bisher nichts getan hatte, erstarrte ich, als sein Körper nah hinter mir auftauchte, er in mein Haar fasste. Im Spiegel sah ich, dass meine Frisur zerzaust war. Yvain löste die Klammern, nur den geflochtenen Teil beließ er. Mein nun blutrotes Haar wallte über meinen Rücken.
„Du warst zuvor hellblond, oder?“
Zaghaft nickte ich.
„Nun trägst du die Farbe der Blutrose“, murmelte er und fuhr mit den Händen durch mein Haar.
„Wie alle anderen … Herr.“
War diese Anrede richtig? Zumindest beschwerte er sich nicht.
„Bei dir ist es intensiver, weil dein Naturfarbton so hell ist.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Die anderen werden mich beneiden … oder auch nicht.“
„Weil ich die … Rosentrauer lindere?“
„Nein, das wird nicht nach außen dringen. − Weil du besonders bist.“
Besonders? „Inwiefern bin ich …?“
Mit einer harschen Geste unterbrach er mich. „Es gibt andere Menschensklaven, doch sie sind nicht wie du.“ Seine Hand fuhr mir über die Brust und eine Gänsehaut überzog meine Haut. „Du wirkst wie eine Rose.
Yvain stieß mich auf das Bett und öffnete sein Gewand. Er trug nichts darunter und ich starrte auf seine schimmernde Alabasterhaut. Meine Nacktheit hatte ihn längst erregt und er beugte sich ohne Umschweife über mich.
„Du gehörst mir, vergiss das nicht“, raunte er mir zu.
Instinktiv wehrte ich mich gegen ihn, doch ich hatte seiner Kraft nichts entgegenzusetzen, wusste von Anfang an, worauf dies hier hinauslaufen würde. Schließlich gab ich auf, denn ich merkte, dass mein Widerwille ihn eher anstachelte. Yvain stöhnte leise, als er sich in mir versenkte, ich biss mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmeckte.
Mein Blick glitt an die Decke und ich konzentrierte mich auf die Malerei, die ein Künstler mit viel Sorgfalt dort oben angebracht hatte. Yvains Sonnenhaar kitzelte mich an der Brust, das offene Gewand, das er noch immer trug, umhüllte uns.
Sein Rhythmus veränderte sich. Er tauchte so tief in mich, dass ich leise aufschrie. Die gemalten Rosen, die sich oben an der Decke bis in jede Steinfuge rankten, verblassten auf seltsame Weise, als würde sich ein Schleier auf meine Augen legen.
Dies war keine sanfte Begegnung. Yvain demonstrierte mir seine Macht und stellte mit diesem Akt seine Besitzansprüche klar. Sein Duft würde mir anhängen und jedem sagen, wessen Sklavin ich war. Unerwartet zog er sich aus mir zurück und drehte mich herum. Ich spürte seinen Atem im Nacken und vergrub das Gesicht in den weichen Kissen, wartete, bis es vorbei war.
Yvain besaß eine perfekte Gestalt, ein schönes Gesicht, aber ich kannte ihn nicht, fürchtete ihn. Niemand konnte erwarten, dass ich bei seinem Tun entflammte. Zudem schien er darauf auch keinen Wert zu legen.
Das Halsband würgte mich in dieser Position und ich sah, wie die Blütenblätter der verzauberten Blutrose, die daran befestigt war, neben mir auf das Kissen fielen.
Yvain krampfte seine rechte Hand um die Blüten und keuchte erstickt auf. Er verharrte, ließ dann von mir ab. Ich fühlte unangenehme Kälte, als sich sein warmer Körper von mir entfernte. Rasch drehte ich mich auf die Seite, damit sich dieses verdammte Halsband lockerte. Hatte Yvain daran gezogen? Ich wagte einen Blick auf ihn zu werfen, wäre am liebsten tief unter die Decke gekrochen. Er verschloss sein Gewand und setzte sich an den Schreibtisch, der in der Nähe des Fensters stand.
„Geh die anderen Rosen heilen“, sagte er nur.
Stumm wickelte ich mich in das Laken und taumelte zu der Kammertür, öffnete sie. Ein Zittern durchlief mich, als der schneidende Wind mich erfasste. Die Königsrosen schimmerten im Mondlicht, einige starben in dem viel zu kalten Luftzug und ich würde es nicht verhindern können. Es sei denn … Um sie zu retten, befreite ich mich von der wärmenden Decke und hing sie schützend vor die Rosen, befestigte es in einigen Spalten der Überdachung. Als ich begann die traurigen Rosen zu heilen, durchströmte mich warme Energie, die mich die Kälte zunächst nicht spüren ließ. Doch mit jeder Rose, die ich rettete, entwich mir meine Körperwärme. Meine Glieder fühlten sich an wie aus Eis, versteiften sich. Nur eine noch, dachte ich, und legte meine zittrige Hand auf eine verwelkte Blüte.
Übelkeit befiel mich und das Rauschen des Windes verebbte. Eine weiße Wand sank auf mich nieder, schien mich erdrücken zu wollen. Ich schluchzte leise, dann nahm ich nichts mehr wahr …

*

Yvain blickte auf. Ein Gefühl durchzog seine Sinne, das dem ähnelte, wenn eine seiner Rosen die Traurigkeit nicht überwand und starb. Nur viel intensiver. Die Empfindung klammerte sich an sein Herz und er wog sie ab, als könne er nur so verstehen, was es bedeutete.
Sie wollte die Blumen doch heilen. Wieso …?
Die Erinnerung an ihre Schwäche kehrte zurück und mit einem Mal hastete er auf. Hier starb keine der Rosen, sondern sie! Diese Menschenrose war vielleicht wichtiger als die Königsrosen auf der Ballustrade. Er hatte die Frau in Besitz genommen − das war seine Pflicht gewesen! − und sie zu seinem Eigentum gemacht, bevor jemand sie zerstören konnte. Und das taten die Tarsylaner häufig mit den Menschen, wenn sie nicht in ihr Schönheitsideal passten. Und diese Rose passte so gar nicht in die Norm, das hatte er sofort gesehen. Ihre gebräunte Haut, die Augen, die in dem Kaminfeuer wie dunkles Gold geleuchtet hatten, die üppige Brust, die so im Gegensatz zu den schmalbrüstigen Frauen seines Volkes stand.
Als er auf den Balkon trat, sah er zuerst das wehende Laken, das seine Königsrosen wohl vor dem Wind schützen sollte. Die junge Frau, die man einst Noreya genannt hatte, lag wie tot in der Kälte. Das blutrote Haar umgab sie wie ein Fächer und von der Sonnenbräune sah man nichts mehr. Jede Farbe schien ihr entwichen zu sein.
Atmete sie nicht mehr?
Yvain kniete sich zu ihr. Hatte sie ihre ganze Lebensenergie geopfert? Das hatte er nicht gewollt! Zaghaft berührte er ihre Wange.
„Noreya …“
Sie war die wundervollste Rose, die er je gesehen hatte. Selbst die schimmernden Blumen verblassten dagegen. Die anderen Tarsylaner mochten ja anders darüber denken, aber er teilte noch nie so recht seines Vaters Ansichten.
„Wach auf.“
Als sie sich nicht rührte, hob er sie auf die Arme, trug sie zurück ins Bett. Ihr Herz schlug, doch sie atmete tatsächlich nicht mehr. Er küsste ihre kalten Lippen und blies ihr seine Luft in die Lungen.
Gequält hustete Noreya auf und er legte die Decke um ihren viel zu kühlen Körper.
„Ich will nicht, dass du traurig bist“, flüsterte Yvain. „Bitte verwelke nicht.“


(© Tanja Bern)

© Gaby Hylla



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