Freitag, 20. Februar 2015

Buchhandlungen und geplatzte Träume

Früher, als Jugendliche, waren Buchhandlungen für mich ein wunderbarer Ort der Bücher. Es war für mich selbstverständlich, dort meine Geschichten zu kaufen. Internet gab es noch nicht, oder nur sporadisch und man fühlte sich auch mit diesen Buchläden verbunden. Als ich dann 2008 mein Debüt in einem Kleinverlag veröffentlichte, ein Fantasybuch, was in Irland spielt, dachte ich zuerst, ich käme automatisch in die Buchhandlungen hinein. Jaah, auch ich war mal blauäugig. Man war neu in der Branche und musste sich sein Wissen eben erst aneignen. Ich dachte dann: Hey, ich bin so eine Leseratte, kenne so viele Buchläden, das sollte doch kein Problem sein, mein Buch dort vorzustellen. Gesagt getan. Auf die vehemente Ablehnung dort war ich nicht vorbereitet. Teilweise hatte ich telefonisch sogar einen Termin vereinbart, aber entweder war der Verantwortliche nicht vor Ort, das Buch wurde direkt abgelehnt, da es nicht ins Programm passe, oder ich wurde angeschaut wie ein Bettler, der um einen Euro bittet. Nach der fünften Buchhandlung gab ich es resigniert auf und fühlte mich wie der letzte Arsch (entschuldigt den Ausdruck). Ich war verwirrt, enttäuscht und ratlos. Jahrelang kaufte ich dort brav meine Bücher, man kannte mich, aber nun war ich plötzlich Autor und nicht mehr wichtig, da ich nicht in einem Publikumsverlag veröffentlicht habe. Mir wurde ein Gefühl vermittelt, als gehöre ich einer minderen Gesellschaftsschicht an. 
Eine Zeit lang mied ich also Buchhandlungen, las meinen Stapel ungelesener Bücher, fand Amazon für mich, und verzichtete auf weitere Besuche. Irgendwann trieb es mich trotzdem wieder in einige Buchläden, das mag so zwei, drei Jahre später gewesen sein.
Innerlich hoffte ich tatsächlich: Hoffentlich erkennt mich von denen niemand. Es war mir peinlich, ein Autor zu sein, weil man mich so abserviert hatte. Einfach nur traurig. Ich spürte aber auch als Kunde eine starke Veränderung. Wo waren die engagierten Verkäuferinnen, die mich früher als Jugendliche gerne beraten hatten? Sie standen lustlos herum, schickten mich durch die Gegend, ohne einen Schritt zu gehen und sagten mir ernsthaft, ich könne das Buch doch auch bei Amazon bestellen, das ginge schneller. Letzteres ist mir zweimal in unterschiedlichen Buchhandlungen passiert.
Als mein Mystery-Krimi erschien, wollte ich dennoch nicht glauben, das man eine Gelsenkirchener Autorin, mit einem Buch, das in Gelsenkirchen spielt, in einer Gelsenkirchener Buchhandlung tatsächlich abweisen kann. Na ja, immer noch blauäugig, oder die Hoffnung stirbt nie.
Lesungen? Wir nehmen nur Autoren von Publikumsverlagen, sonst kommt da niemand. (Anm.: Ich hatte schon viele Lesungen und immer Zuhörer.)
Bücher ausstellen auf dem Regiotisch? Wir haben keinen Platz für Bücher aus Kleinverlagen.
Vielleicht könnte man einige Kommissions-Bücher wenigstens im Regal haben? Wie gesagt, kein Platz.
Erst als die Verlegerin persönlich einen Stapel Bücher hinbrachte, nahm man sie eher widerwillig und versteckte sie zwischen Gelsenkirchener Literatur. Ich bin also in einem Buchladen vertreten. Yeah. Jetzt Lesungen? Nö.
All dies hat mir Buchhandlungen verleidet. Ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren, aber diese Erfahrungen habe ich mit großen und kleinen gemacht, im Ruhrgebiet, bis nach Bayern. Überall die gleiche Reaktion. Egal ob ich selbst anfrage, der Verlag, oder eine Agentur. Ist ja nur ein Kleinverlag. So etwas kann einen wütend machen. Oder man orientiert sich um. Ich meide also Buchhandlungen, weil ich mich an diesen Orten, inmitten von Büchern, unwohl fühle. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich Bücher schreibe, lese und liebe. Amazon mag ja ein Monopol haben, ein Riesengeschäft sein und ein was-weiß-ich. Aber er führt meine Bücher, bedankt sich für Rezensionen, macht mir gute Angebote, unterstützt Kleinverlage, genauso wie Publikumsverlage oder Self Publisher - und ich kann stöbern, ohne mich unwohl zu fühlen. Eine verdammt traurige Entwicklung. Ich wünsche mir immer noch, dass einer kommt, der meine Erfahrung ändert, dass es noch andere gibt, aber bisher ...? Ich kenne mittlerweile auch viele Stimmen von Autoren, Verlegern und Eventagenturen. Überall dasselbe. Deshalb fällt es mir sehr schwer, Mitleid zu haben, wenn die Buchhändler jammern. Viele (sicher nicht alle!) haben sich selbst ins Abseits gestellt, weil sie nur auf die Bestseller schielen, weil Beratung plötzlich anstrengend ist, weil man nicht mehr flexibel sein will. 
Was ist da bloß passiert? Die ganze Buchbranche ist irgendwie ein Haifischbecken, wie ich immer wieder feststelle. Egal was man macht, als Autor bist du meistens benachteiligt. Komisch. Wer schreibt doch gleich die Bücher?
Aber ich kann ja gut mit Tieren umgehen. Lerne ich halt mit Haien zu schwimmen.
Und manchmal erschaffe ich mir dann in meinen Geschichten Buchhandlungen, die auch Kleinverlagen eine Chance bieten, die sich Mühe geben und nicht nur aufs Geld, sondern auf die Geschichte achten. Man darf ja noch träumen, zumindest in Büchern ...


Kommentare:

  1. Lieben Dank dafür, dass du deine Erfahrungen mitgeteilt hast. Ablehnungen empfinde ich schmerzhaft. Ich muss sagen, zum Glück habe ich gelernt, da zu unterscheiden: Mir ist schon klar, dass nicht alle das gut finden, was ich so mache; das ist auch ok so, Mir ist halt nur wichtig, in welcher Art und Weise das übermittelt wird. Ablehnung kann auch respektvoll ausgedrückt werden.

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank für diesen Bericht, der mir zeigt, dass ich mir nicht als einzige von Buchhandlung zu Buchhandlung die Hacken abgelaufen habe, um damit NICHTS zu erreichen. Auch spüre, wie mich etwas vom Buchladen und den immer gleichen Autoren wegtreibt, hin zu einer jüngeren, frischeren Bücherwelt. Und warum wagt eigentlich keine Buchhandlung das Experiment eine Regalreihe nur mit Werken aus Kleinverlagen zu bestücken? Zu eingefahren? Zu fantasielos? Arme Buchwelt.

    AntwortenLöschen